was sind worte?

was ist phantasie?

erfindung, er-findung.

es hat mit finden zu tun.

ist eine bildliche phantasie, also erfindung, jenseits des wortes möglich?

wird nicht jedes bildliche erfassen sofort in worte gefasst und sogleich danach in eine empfindung übersetzt?

ich würde gern wissen: was kam zuerst, das wort oder das gefühl.

‚am anfang war das wort.‘

und gerade dem wort ist es so schwer zu entfliehen. es scheint so vollgeschwängert mit trunken schwankendem ballast.

ist eine welt ohne worte, also bedeutungen vorstellbar?

copyright: ethnologisches museum, dahlem

meiner kunstgeschichten zehnter teil

im ethnologischen museum, berlin-dahlem.

ich phantasiere:

in vielen einsamen nächten töpferte diesen krug ein weiser mann für seine verstorbene frau.

er wählte die form eines kruges, denn dieser war hohl und somit frei für die unendlichkeit.

luft ist in dem krug und um ihn herum. luft, die auch der mann geatmet hat.

der krug hat facettenartige ausbuchtungen. jede ausbuchtung steht für ein von seiner frau gelebtes leben. wege sind auf einer jeden ausbuchtung zu finden. immer verschieden und doch in ihrer grundstuktur sehr ähnlich.

unser auge kann im detail nur jeweils einen lebensweg chronologisch entziffern. präsent und in ihrer vollen vielfalt enfaltet sind hingegen alle und zu jeder zeit. nur so können sie das halten, was den hohlraum bildet: die essenz.

durch die hülle, das material des kruges, gibt es eine spaltung zwischen dem aussen, der welt und dem innen, für ihn: die seele seiner frau.

woran er sich erinnern kann, das sind die facetten, der ton, den er nun mit seinen händen formt.

es ist sein bild. seine form.

seine frau, sie steigt daraus hervor.

copyright: eva-d
der twist: grossvater ja banjospieler im osloer underground der 20-er, mutter baptistische kirchendiva, komisario im alter von 10 will schlagzeug spielen. die mutter kreischt wie immer: welch teufelswerkzeug! der sohn setzt sich durch, vater bringt den sohn geflissentlich zum unterricht, die augen keusch bedeckt gehalten vor des lehrers höllenanblick: tattoos, strammes sixpack, grazile nymphen im evakleid grossformatig die wände füllend.

der unverwüstliche wille wurde komisario in die wiege gelegt, der anarchische rhythmus des trommelschlags, das nervöse pulsieren der hihat wie sie sinnlich über die scheibe zurrt, wahrscheinlich sind hier die ersten spuren seines tobenden blutes in schwingung gekommen. komisario spielt keine musik. komisario ist musik. wild, impulsiv, haarscharf in seinem selbst erfundenen takt.

der weitere werdegang, bulimisch. klassik, jazz, pop, experimental, komisario jagt durch die universen. nirgends bleibt er hängen, überallhin kommt er wieder zurück, um erneut zu entschwinden.

seine auftritte als schlagzeuger verwehren ihm die eltern. komisario schmeisst mit 17 die schule. er will musik machen. ein letzter versuch der eltern ihn auf die sanfte bahn zu lenken: klarinette. er geht nach wien. studiert bei alfred prinz, spielt im orchester. das jähe ende dieser karriere: sein kiefer leidet unter der täglichen dressur. komisario wird “kapellmeister”, erste auträge als dirigent. zurück nach frankreich, paris. zeitgenössiche musik. er hat nun ein schwedisches ensemble, das er in die stadt der lichter bringt.

copyright: eva-dkomisario leidet. zu nah ist diese musikantenszenerie in ihrem bigotten gewand seinem puritanischen ursprung, der baptischen gemeinde. hörig. verschlossen. in den adern rinnt nur gesetztes anpassertum.

komisario beginnt zu komponieren. allein, sein computer bebt. er ist er, wieder: töne jagen, schlagen, ein jähes stoppen um gleich danach mit einer anderen achterbahnfahrt zu übermannen.

geldnot.

jahre der musikalischen enthaltsamkeit.

komisario erfindet sich neu. abenteurer. weltensegler. jetzt sucht er das gold that makes the world go around.

träume von finanzieller unabhängigkeit. mit dem gold will er eigene welten schaffen. musik. spektakel. delirium.

die musik steht schon lange nicht mehr auf dem notenblatt. kaum ein sound tobt noch durch den computer.

sein unbändiger drang nach leben und pulsieren, rhythmus und atmen hat sich in die welt gelegt. geballte energie im irdischen anzug. die verpuppung platzt.

copyright: eva-d

ist er ein lyti?

ich schlängele im rätsel. 

so viele irdische indizien. er könnte existieren, physich. genau wie musik physich existiert? schlangen winden sich durch das rückrat. ihre blicke verwandeln steine in schlösser.

ich bin agent008. meine mission ein codex zwischen den noten. mein kontakt, ein feuerball. die anziehung unbezwingbar.

schwesternes gibt die künstlerischen lücken. wenn gar nichts mehr geht.

was ist die malerei angesichts des todes eines so nahen menschen?

was ist eine lücke?

sprachlosigkeit.

zu gern würde ich sie mit aktionismus füllen. doch die leinwand verwehrt sich. aushalten. der lücke seinen platz geben.

jeder tatendrang, und ja, dazu zähle ich auch die malerei, gibt das gefühl, “es geht weiter”.

eine erleichterung würde platz nehmen. ein schönes gefühl, gutes gewissen. “es ist ja doch alles wie zuvor”.

aber die malerei ist brutal ehrlich. sie verweigert sich.

ich habe gar keine idee. ich fühle mich hohl. die fassungslosigkeit, dieses stumpfe dasein, das keine worte von sich gibt, das mich im NICHTS verharren lässt und mich so ganz haarscharf gegenüber meiner eigenen existenz stellt.

meine mutter ist gestorben, und ich sehe sie so oft. sie ist mir näher als sie es jemals war. aber ich finde keine worte, ich finde keine übersetzung in bildern.

ich bin einem kargen schweigen ausgesetzt.

copyright: eva-d ein gespräch mit claudie.

perspektive, das leben, die essenz liegt im einfachen. das einfache liegt im fernen, sagt sie.

im vordergrund eines bildes der renaissance, die realität. sie meint das konkrete, denke ich, die wiedererkennbarkeit. je mehr der maler dieser epoche, die dinge sich entfernen laesst, sie in die pespektive drueckt, je kleiner und unschaerfer malt er sie. und ist das wahre gerade in diesem entschwinden? dort, wo sich die kontur aufloest und nur noch die essenz uebrigbleibt?

sie erzaehlt mir von einer novelle stendhals. anfangs wird eine komplexe kulisse aufgebaut, napoleon, historische daten, krieg, stimmen, dialoge, die doch eigentlich nur austausch verbaler pflichten und konventionen sind. tumult, laut ist es, durcheinander, so total und ganz an der realität. derweil, ein mann und eine frau verlieben sich. und je weiter der roman schreitet, desto mehr verschwindet die äussere kulisse und übrigbleiben die beiden und ihre liebe. keine worte mehr, nur noch gedanken. nicht sagt die frau, sondern sie scheint sagen zu wollen, ein gedachter dialog, der ihr schweigen umhuellt.

stille, eine allumfassende einheit mit sich und dem moment.

die beiden: ihr aussen verschwindet, sie lösen sich selber auf. auf ende sterben sie. glücklich gehen sie in den tod, so berichtet claudie mir.

copyright: eva-d

die mutter komisarios, diese schöne norwegerin, ein enfant terrible, doch, ganz anders als es dieser term erwarten lässt. 
selber ist sie aus einem haus genialer bestimmungen: vater banjospieler im bristol hotel, und damit einflussreicher akteur des osloer undergrounds der 30ger und 40ger jahre, dann, unter der deutschen besatzungsmacht, erster schneider, und natürlich, weiterhin lebemann und grenzenlos. ihre mutter, dekadent, verwöhnt, später komme ich zu ihr zurück. und die brüder, der eine seefahrer und medizinstudent in basel, wo er erkankte und schon mit 32 verstarb. seine geliebte: eva. diese lebt noch heute im fernen norwegen, nun um die 90 jahre alt, und wie es heisst, habe sie seit dem tod ihres geliebten nie wieder einen mann geküsst. ihr unerschütterlicher glaube: die wahre liebe. der andere bruder, der war verrückter. erfinder, maler, überaufgeregtes genie und kreateur vieler kinder schon in frühem mannesalter. er liebte die frauen. er liebte das abenteuer. auch er zu jung gestorben. sein 30-jähriges leben derweil das eines 150 jährigen zu füllen vermag. und dann auch noch die schwester, die jüngste, verhätschelt von den eltern, fruchtig wie ein erdbeertörtchen, die cremig blonden locken kokett zu pferdeschwänzen gebunden. sie wurde schon im jungen mädchenalter geehelicht, gerade 18 war sie. ihr mann, ein wohlhabener libanese, betört von ihrer schönheit und derer süsse. sie ziehen gemeinsam in seine heimat nach beirut, schwelgen im familiären reichtum, dort, bis im land ein blutiger bürgerkrieg ausbricht und sie samt familie in ihrem heimatland norwegen zuflucht suchten. hier litt ihr mann ganz jämmerlich: um seinen stand und den reichtum gebracht, die famile war fern, das neue land eisekalt. er verstarb nur einige jahre nach seiner ankunft, arm und zerrüttet.
und komisarios mutter? wie konnte eine revolte in solch befreiten familienverhältnisses anders aussehen, als sich jung in erstem pubertären aufbegehren der städtischen heilsarmee anzuschliessen und jesu psalmen unter den armen und bescheidenen zu beschwören. fromm, gewissenhaft und, aber, natürlich exessiv, so wie es ihrer natur entspricht. 
in diesem rahmen auch, da traf sie ihren späteren mann, komisarios vater, den pastor. sie war verführt von dessen gradlinigkeit und bodenständigkeit, vermischt mit diesem seltsam aristokratischen glanz. 
sie heiraten und er nimmt sie mit auf evangelistische mission nach frankreich.
der vater, der hatte den glauben in stiller stunde, da war er noch ganz jung, an einem see eingeflüstert bekommen. die entsagung und das schlichte leben, die taten ihm kein unwohlsein. die mutter hingegen, aus liebe zu ihrem mann und vom frommen abenteuer betört hierhergekommen, die sollte ganz schwerlich leiden. zu viel lebenslust in ein bigottes kleid gepresst. als mutter selbst war sie harsch und leidenschaftlich und mit grossem drill in ihrer erziehung.
wo sie litt, dort sollten auch die kinder nicht zu ihrer freude finden.
so war die überzahl weltlicher literatur verboten, fernsehen ein instrument des teufels und jegliche musik jenseits der göttlcihen orgelklänge ein disaster und verbot.
in diesem klima: komisario wird geboren. der dritte im bunde. einer zuviel. ein kleiner teufel mit roten haaren.

copyright: eva-dneumond.

malerei ist dem mond gleich.

es ist ein pulsieren. ein strahlen. ein schatten. ein kommen und gehen von einsicht. der grund bleibt beständig.

das aufbrechen in neue und fremde ufer.

ist der mond nicht verantwortlich für ebbe und flut?

so lange es eine sonne gibt und auch eine nacht, so lange werde ich malen.

malerei, farbe und striche, linien, gezeichnete geschichten, all das ist materialisierte form des lebens. spuren meiner vergänglichkeit.

das gerade-eben: wohl kenne ich es nirgends so scharf wie in der malerei.

das laken nach einer liebesnacht wird gewaschen.

die leinwand, sie behält diesen sakralen akt als höchstes gut.

ich liebe die malerei. ich liebe die bilder, die dabei entstehen. sie erinnern mich an mein gestern.

mein blick gibt ein heute.

und morgen, da male ich wieder.

copyright: eva-d

 

ich liebe WEISS.

es bringt alle farben zum glänzen.

weiss ist das nichtstun, in dem jegliche möglichkeit geborgen liegt.

was die meditation für den menschen ist, das ist das weiss für die malerei. ein vollkommenes entleertsein von eindrücken und emotionen. geistige klarheit.

weiss bedeutet für mich auch aufbruch, abenteuer. weiss ist aktiv.

 

ich würde gern wissen, was weiss in der musik darstellt. sind es die räume zwischen den tönen?

gibt es in der musik überhaupt einen klanglosen raum? und wenn ja, würde er dann nicht eher als vakuum, als tot empfunden?

unser herz pocht immer.

 

 

meine bilder, das sind die ungelebten teile meinerselbst. das sind die schatten, die sich durch mich ziehen. ungezügelt, unzensiert wüten sie durch die steppe. abweisung oder furcht gibt es in dieser welt nicht.

ich liebe die malerei.

das grösste lob, dass mir ein freund vor jahren machte, war, als er mir sagte, er habe mit mir gelernt, auch einfach mal schlecht sein zu können und sein befreites lächeln dabei war schön.

meine bilder sprechen von liebe.

liebe bedeutet für mich die völlige akzeptanz aller teile. gut, schlecht, diese notionen existieren hier nicht.