copyright: ethnologisches museum, dahlem

meiner kunstgeschichten zehnter teil

im ethnologischen museum, berlin-dahlem.

ich phantasiere:

in vielen einsamen nächten töpferte diesen krug ein weiser mann für seine verstorbene frau.

er wählte die form eines kruges, denn dieser war hohl und somit frei für die unendlichkeit.

luft ist in dem krug und um ihn herum. luft, die auch der mann geatmet hat.

der krug hat facettenartige ausbuchtungen. jede ausbuchtung steht für ein von seiner frau gelebtes leben. wege sind auf einer jeden ausbuchtung zu finden. immer verschieden und doch in ihrer grundstuktur sehr ähnlich.

unser auge kann im detail nur jeweils einen lebensweg chronologisch entziffern. präsent und in ihrer vollen vielfalt enfaltet sind hingegen alle und zu jeder zeit. nur so können sie das halten, was den hohlraum bildet: die essenz.

durch die hülle, das material des kruges, gibt es eine spaltung zwischen dem aussen, der welt und dem innen, für ihn: die seele seiner frau.

woran er sich erinnern kann, das sind die facetten, der ton, den er nun mit seinen händen formt.

es ist sein bild. seine form.

seine frau, sie steigt daraus hervor.

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der twist: grossvater ja banjospieler im osloer underground der 20-er, mutter baptistische kirchendiva, komisario im alter von 10 will schlagzeug spielen. die mutter kreischt wie immer: welch teufelswerkzeug! der sohn setzt sich durch, vater bringt den sohn geflissentlich zum unterricht, die augen keusch bedeckt gehalten vor des lehrers höllenanblick: tattoos, strammes sixpack, grazile nymphen im evakleid grossformatig die wände füllend.

der unverwüstliche wille wurde komisario in die wiege gelegt, der anarchische rhythmus des trommelschlags, das nervöse pulsieren der hihat wie sie sinnlich über die scheibe zurrt, wahrscheinlich sind hier die ersten spuren seines tobenden blutes in schwingung gekommen. komisario spielt keine musik. komisario ist musik. wild, impulsiv, haarscharf in seinem selbst erfundenen takt.

der weitere werdegang, bulimisch. klassik, jazz, pop, experimental, komisario jagt durch die universen. nirgends bleibt er hängen, überallhin kommt er wieder zurück, um erneut zu entschwinden.

seine auftritte als schlagzeuger verwehren ihm die eltern. komisario schmeisst mit 17 die schule. er will musik machen. ein letzter versuch der eltern ihn auf die sanfte bahn zu lenken: klarinette. er geht nach wien. studiert bei alfred prinz, spielt im orchester. das jähe ende dieser karriere: sein kiefer leidet unter der täglichen dressur. komisario wird “kapellmeister”, erste auträge als dirigent. zurück nach frankreich, paris. zeitgenössiche musik. er hat nun ein schwedisches ensemble, das er in die stadt der lichter bringt.

copyright: eva-dkomisario leidet. zu nah ist diese musikantenszenerie in ihrem bigotten gewand seinem puritanischen ursprung, der baptischen gemeinde. hörig. verschlossen. in den adern rinnt nur gesetztes anpassertum.

komisario beginnt zu komponieren. allein, sein computer bebt. er ist er, wieder: töne jagen, schlagen, ein jähes stoppen um gleich danach mit einer anderen achterbahnfahrt zu übermannen.

geldnot.

jahre der musikalischen enthaltsamkeit.

komisario erfindet sich neu. abenteurer. weltensegler. jetzt sucht er das gold that makes the world go around.

träume von finanzieller unabhängigkeit. mit dem gold will er eigene welten schaffen. musik. spektakel. delirium.

die musik steht schon lange nicht mehr auf dem notenblatt. kaum ein sound tobt noch durch den computer.

sein unbändiger drang nach leben und pulsieren, rhythmus und atmen hat sich in die welt gelegt. geballte energie im irdischen anzug. die verpuppung platzt.

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ist er ein lyti?

ich schlängele im rätsel. 

so viele irdische indizien. er könnte existieren, physich. genau wie musik physich existiert? schlangen winden sich durch das rückrat. ihre blicke verwandeln steine in schlösser.

ich bin agent008. meine mission ein codex zwischen den noten. mein kontakt, ein feuerball. die anziehung unbezwingbar.

schwesternes gibt die künstlerischen lücken. wenn gar nichts mehr geht.

was ist die malerei angesichts des todes eines so nahen menschen?

was ist eine lücke?

sprachlosigkeit.

zu gern würde ich sie mit aktionismus füllen. doch die leinwand verwehrt sich. aushalten. der lücke seinen platz geben.

jeder tatendrang, und ja, dazu zähle ich auch die malerei, gibt das gefühl, “es geht weiter”.

eine erleichterung würde platz nehmen. ein schönes gefühl, gutes gewissen. “es ist ja doch alles wie zuvor”.

aber die malerei ist brutal ehrlich. sie verweigert sich.

ich habe gar keine idee. ich fühle mich hohl. die fassungslosigkeit, dieses stumpfe dasein, das keine worte von sich gibt, das mich im NICHTS verharren lässt und mich so ganz haarscharf gegenüber meiner eigenen existenz stellt.

meine mutter ist gestorben, und ich sehe sie so oft. sie ist mir näher als sie es jemals war. aber ich finde keine worte, ich finde keine übersetzung in bildern.

ich bin einem kargen schweigen ausgesetzt.